Ein bisschen fühle ich mich wie am Ersten Schultag. Ich gehe heute ins Stadion, nicht zum ersten Mal in meinem Leben, aber zum ersten Mal mit Überzeugung und dem passenden Trikot. Ich gehe in die Alte Försterei, genauer: zu Union Berlin.
Irgendwie musste es so kommen, denke ich mir, während ich von Berlin-Ostkreuz die wenigen Stationen bis nach Köpenick fahre. Als Kind von Ostdeutschen in Zehlendorf großgezogen, bin ich mit der Vorstadt nie warm geworden, genauso wenig mit der Hertha. Das Fußballfan-Sein erschloss ich mir in meinem popeligen Künstlerhaushalt selbständig, einen Verein aber hatte ich nie. Ich fand das besonders rein, nur der Liebe zum getretenen Ball und nicht einem kommerziellen Großclub verfallen zu sein. Heute, an diesem sonnigen Julinachmittag, würde sich der Kreis schließen.
Ein Freundschaftsspiel steht an. Der 1. FC Union, mein 1. FC Union spielt vor fast ausverkauftem Haus gegen Rapid Wien. Die Hymne hab ich mir vorher noch schnell bei YouTube reingezogen, schließlich möchte ich nicht den Anschein erwecken, nur aufgrund des immer größer werdenden Erfolges Vereinsmitglied geworden zu sein – auch wenn dies ehrlicherweise die perfekte Beschreibung für mich ist.

Tatsächlich gab es ein handfestes Ereignis, was mich dazu gebracht hat, Union nicht nur zu mögen, wie ja gefühlt jeder Berliner Hipster im A-Bereich, sondern zu lieben: Und zwar an dem Moment, wo man sich entschloss, den spanischen Superstar Isco trotz bereits absolviertem Medizinchecks nicht zu verpflichten.
Zu der Geschichte gibt es zwei Erzählungen. Die des Clubs lautet in etwa so: wie in Superstarkreisen nicht unüblich, soll der Berater trotz eines vorab vereinbarten Grundvertrages noch weitere Boni und Zusatzklauseln gefordert haben. Die arteten derart aus, dass man an die Grenzen seiner finanziellen Möglichkeiten stieß und sich gegen den ablösefreien Wechsel entschied. Der Spanier trat kürzlich in der Marca noch ein paar mal kräftig nach und warf den Verantwortlichen Unehrlichkeit vor.
Welche Variante stimmt? Mir egal.
Mir imponierte diese Bodenständigkeit, sich nicht von dem bereits einsetzenden Medienrummel mitreißen zu lassen und den kreativen Zehner wieder in den Flieger nach Spanien zurückzusetzen.
Schon vor dem heutigen Spiel gibt es etwas zu feiern: Lucas Toussart wechselt von der Hertha nach Köpenick, kurz darauf wird auch noch Alex Schwolow folgen. Eine schöne Tradition, die sich da etabliert, geschasste Spieler des „Big City Club“ aufzukaufen, nachdem diese offenbar wenig Lust verspüren, zu Auswärtsspielen nach Elversberg zu fahren. Die größtmögliche Provokation wird dann im Herbst steigen, wenn Union seine Champions-League-Heimspiele im deutlich größeren Olympiastadion austrägt. Ich freue mich schon auf die obligatorischen Selfies an meine Hertha-Freundinnen und Freunde. Aber so ein Heimspiel gegen Heidenheim hat sicher auch was – obwohl, selbst die spielen ja inzwischen erstklassig. Egal, zurück zum eigentlichen Hauptereignis: dem Spiel.
Als Frischling habe ich noch einiges zu lernen. Die Spieler werden hier nicht frenetisch mit Nachnamen gefeiert, sondern als „Fußballgott“ angepriesen. Die Ecken und Standards von Kapitän Christopher Trimmel werden mit klappernden Schlüsselbunden angekündigt. Bei jedem Foul der Wiener brüllt ein Mann neben mir „MÖRDER!“ Als echter Fan erlebe ich das alles natürlich auf der Haupttribüne im Stehen. Die Spießer sitzen derweil auf der Gegengeraden und werden von der untergehenden Sonne geblendet.
Das Spiel ist in der ersten Halbzeit ereignisarm. Diogo Leite verstolpert einen Ball und beschert Union fast ein Gegentor. Torhüter Frederik Rönnow muss einmal eingreifen, ansonsten zeigt sich die Offensive ausbaufähig. Die Neuzugänge Mikkel Kaufmann und Brenden Aaronson können noch nicht ihr Potential abrufen.
Während der Halbzeitpause passiert genau das, was ich mir von solchen Stadiongängen erhofft habe: Während ich am Bierstand anstehe, um für mich und meine Begleitung Nachschub zu organisieren, drängelt sich ein mittelalter, extrem betrunkener Mann vor mich. Gleichzeitig bietet er mir an, mich einzuladen, was ich als freier Journalist nicht ausschlagen kann.
Während wir so über das Spiel fachsimpeln, wird unsere Unterredung plötzlich politisch. „Ich bin ja ganz klar rechtsorientiert“, lallt er. Dafür könne ich ihn aber gerne schlagen, wenn ich das denn möchte.
Möchte ich nicht, aber: „Ich bin ganz klar linksorientiert!“ Kurz stieren wir uns an, entscheiden uns aber, weiter über Fußball zu sprechen. Es klingt vielleicht sozialromantisch, aber genau hatte ich mir das vorgestellt: Filterbubble crossing, das Überschneiden von verschiedenen sozialen und politischen Schichten. Wenn ich Lust verspüre, mir die ganze Zeit von links auf die Schulter klopfen zu lassen, kann ich ja mit meinen Freunden ins Hipster-Café gehen. Wir reden noch eine Weile weiter, unsere unterschiedlichen Ansichten über Freibadbesuche reiben sich aneinander, aber das muss manchmal sein. Mit zwei Bier in der Hand verabschiede ich mich herzlich und schaffe es genau rechtzeitig zur zweiten Halbzeit wieder auf meinen Stehplatz.
Das Spiel ändert sich nun schlagartig. Neuzugang Fofana, als Leihgabe von Chelsea gekommen, belebt das Spiel enorm und schließt auch noch sehenswert ab. Als er später rüde von einem Wiener gefoult wird, löst er die Situation mit einem breiten Lachen und nimmt seinen Gegenspieler herzlich in den Arm. Den Unterschied an diesem Tag macht aber, wie schon häufig in der vergangenen Saison, Kevin Behrens. Auch wenn einige behaupten, dass er überhaupt nicht Fußballspielen kann, schießt er ständig Tore. So auch heute. Sein zweites, ein Kopfball, der als hohe Bogenlampe über den Keeper segelt, ist besonders sehenswert. Die Wiener Fans zünden ein bisschen Pyro, irgendwas muss man ja zum Feiern haben.
Schlusspfiff, das Spiel endet 3:0, die Stimmung ist ausgezeichnet und ich habe ein bisschen einen sitzen. Während ich das Stadion verlasse und den Heimweg antrete, merke ich, alles richtig gemacht zu haben. Ich gehöre zu etwas dazu, für was ich mich nicht schämen muss. Wird ne gute Saison.