Gibt es ein demokratisches Recht auf Dummheit?

Wer bei „Querdenken“ mitläuft, der tut dies vorwiegend aus Elitenhass und Unwissenheit. Wichtig ist es, zu trennen zwischen denen, die gesprächsbereit sind – und jenen, die sich bereits in ihre Parallelwelt verabschiedet haben.

Es war ein interessanter Moment, als dieser Mann am 10. Oktober 2020 von einer „Querdenken“-Ordnerin gebeten wurde, seinen schwarz-weiß-roten Mundschutz abzunehmen. Erst nach heftigem Widerstand und Hinzuziehen der Polizei fügt er sich den Anweisungen.

Es scheint, als habe man verstanden, dass der offene Bezug zur rechten Szene der Bewegung eher schadet als nützt. Hat sich das damit Problem erledigt?

Nein, dafür sind die Protagonisten der rechten Szene noch viel zu zahlreich vertreten, wie unten der YouTuber „Aktivist-Mann“, der auch am sogenannten „Sturm auf den Reichstag“ beteiligt war. Die neue Regelung der Organisatoren ist zweischneidig: auf der einen Seite ist es erleichternd, dass rechtsradikale Symbolik jetzt unerwünscht ist. Auf der anderen Seite wird es schwerer zu erkennen, wieviele auf diesen Demonstrationen Verbindungen ins rechtsradikale- bis extreme Millieu haben.

Unterdessen ist der „Friedensvertrag“ als politische Forderung durchgesickert. Ihren Ursprung hat dieser unschuldig klingende Begriff in der Reichsbürger-Bewegung, die die Souveränität Deutschlands nicht anerkennen und in letzter Konsequenz die Grenzziehungen innerhalb Europas neu verhandeln möchten. Die Argumentation ist historisch nicht haltbar, wird aber, gerade wegen seines angenehmen Klanges, gerne übernommen.

Das „Q“ hat sich derweil als Erkennungszeichen etabliert. Die Überschneidung mit der QAnon-Symbolik wird dabei mindestens billigend in Kauf genommen.

Die meisten Teilnehmer sind männlich, mittleren Alters und stellen gemeinschaftlich ihre Abneigung gegenüber den Corona-Maßnahmen zur Schau. Masken werden zerschnitten, falsch getragen oder Damenunterwäsche über das Gesicht gebunden. Man kommt zusammen, um sich in seiner eigenen Ansicht zu bestätigen. Abweichende Meinungen werden als „idiotisch“ und „naiv“ abgetan. Ihre gefühlte Überlegenheit macht Diskussionen enorm schwer.

Wie soll man auf solche Menschen reagieren? Kann man, muss man sie als rechtsradikal bezeichnen? Das wäre zu simpel, dafür ist das Spektrum der Demo zu breit gefächert.

Hier läuft jeder mit, der „die da oben“ schon immer scheiße fand – und beharrt dabei darauf, bestimmte Dinge einfach nicht wissen zu müssen. Gibt es ein demokratisches „Recht auf Dummheit“? Vermutlich ja – eine wirklich Lösung für dieses Phänomen scheint noch nicht gefunden worden zu sein.

Was man tun kann: Reden! Mit dem Zweifler im Freundeskreis, dem Nörgler beim Familienfest, der den Corona-Maßnahmen misstraut und überlegt, auf diese Demos zu gehen. Freundlich bleiben, viele Fragen stellen und nicht an die Decke gehen, auch wenn die Äußerungen haarsträubend sein mögen.

Eigene Statements und Meinungen sollten dabei nicht im Vordergrund stehen. Wichtiger ist es, die Gegenseite nachzuvollziehen. Das bedeuetet nicht, ihre Meinung zu teilen. Aber ein Gespräch kann nur funktionieren, wenn sich beide Seiten fair behandelt fühlen und sich auf Augenhöhe wähnen.

Aber zur Wahrheit gehört auch: manche Menschen lassen sich nicht überzeugen. Sie haben sich in eine Parallelwelt zurückgezogen und kein Interesse mehr an einem echten Austausch. Diese Menschen wollen nicht mehr zurück. Bei jeder Diskussion gilt es daher abzuwägen: lohnt sich die Mühe oder ist der Kampf längst aufgefochten?

Was klar sein sollte: es gibt Grenzen der Meinungsfreiheit. Wer mit QAnon argumentiert, für seine steilen Thesen keine Beweise liefert oder die schwarz-weiß-rote Flagge verharmlost, der darf sich nicht beschweren, von der Debatte ausgeschlossen zu werden. Demokratie ist wehrhaft – und Toleranz gegenüber den Intoleranten ein Paradox.

Veröffentlicht von Paul Gäbler

Freiberuflicher Journalist, Podcaster und Fotograf in Berlin.

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