Depressionen sind beschissen

Meine Depression ist wie ein Zweifel im Kopf, der sich ungefragt zu Wort meldet. Manchmal freue ich mich, wenn er mich vor unüberlegten Affekthandlungen bewahrt. Häufig aber wünsche ich, er würde mich in Ruhe lassen.

Ein kurzes Beispiel aus meinem Kopf:
Der Chef fragt nach einem Treffen.
1. Gedanke: Ich werde gekündigt.
2. Gedanke: Denk doch sowas nicht!
3. Gedanke: Doch!
4. Gedanke: Nein!
5. Gedanke: Zu Spät.
Später dann das Treffen mit dem Chef. Alles super. Er hat ein paar Fragen.
Das wars.
Wie immer, denke ich.
Depressionen sind beschissen.

Die Krankheit ist schwer zu erklären. Meist kommt sie in Schüben. Wochenlang ist alles super, ich liebe mein Leben, meine Freunde, meinen Beruf.
Dann reicht eine schlechte Nachricht und ich komme ich kaum aus dem Bett. Lohnt sich das Aufstehen überhaupt für diesen ganzen Mist da draußen?

Depressionen sind zwar beschissen, aber auch bunt und vielfältig. Meine ist vor allem ein nerviger Pain in the Ass. Ein Zweifel, der sich permanent und ungefragt zu Wort meldet. Er begleitet mich den ganzen Tag. Manchmal freue ich mich über ihn, wenn er mich vor unüberlegten Affekthandlungen bewahrt. Sehr häufig aber wünschte ich, er würde mich in Ruhe lassen.

Depression ist eine Volkskrankheit – 6 Millionen Deutsche sind schon dabei und dank Corona-Untergangsstimmung werden es minütlich mehr. Frauen sind statistisch doppelt so häufig betroffen wie Männer. Weil sie sensibler sind? Oder weil viele Männer weiterhin glauben, Sensibilität sei etwas für Frauen?

Wo Depressionen eigentlich herkommen, weiß man nicht so genau. Das kann an der Biographie liegen. Häufig wird sie auch vererbt. Wer mit depressiven Eltern aufwächst, gilt als anfälliger. Manche Menschen sind aber auch sensibler als andere.

Sensibel heißt nicht weicher, sondern feinfühliger. Man kriegt Dinge mit, die andere nicht mitkriegen. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre unsensibel. Das macht es einfacher, mehr an sich zu denken. Allerdings finde ich Unsensibilität nicht sonderlich erstrebenswert.

Sensible haben es aktuell schwer. Wer verzweifeln will, der guckt am besten kurz in die Nachrichten. Politik und Wirtschaft werden bestimmt von unsensiblen und rücksichtslosen Männern. Wer öffentlich Schwäche zeigt, wird zum Abschuss freigegeben.

Ein einziges Mal hatten wir das Thema Depression medial auf dem Schirm: als sich Robert Enke umgebracht hat. Für ein paar Wochen fanden wir Depressionen ganz schrecklich. Es gab Talkshows, Zeitungsartikel über die Krankheit und die Beerdigung wurde live im Fernsehen übertragen. Danach haben wir wieder auf Fußballer draufgekloppt als wären sie Spielzeug.

Eine Therapeutin, bei der ich kürzlich war, sagte direkt zur ersten Sitzung: „Ach was, in Ihrem Alter haben Sie doch keine Depression.“
Therapeuten hassen das Wort Depression. Es wird ihnen zu inflationär gebraucht. Da haben sie auch recht. Andererseits lädt dieses Jahr und dieser Winter zu Depressionen nahezu ein.

Den Therapieplatz bekam ich über Kontakte. Über den normalen Weg dauert es meistens mehrere Monate. Das sorgt meist für zusätzliche Resignation. „Rufen Sie doch in ein paar Monaten nochmal an„, ist das letzte, was du als Depressiver hören willst – erst recht in der jetzigen Zeit, wo die Telefone der Notseelsorge nicht stillstehen.

Viele haben zurecht Angst davor, sich eine psychische Krankheit einzugestehen. Gerade Depressionen passen nicht ins Bild unserer westlichen Erfolgsgesellschaft. Die Behandlung braucht Zeit und ist anstrengend. Medikamente können helfen. Am effektivsten aber ist eine Psychotherapie oder -analyse, wenn man seinen Dämonen auf den Grund gehen will.

Dafür braucht man viel Mut – und leider eben auch Glück. Nicht jeder Therapeut passt zu einem. Manche sind auch einfach schlecht. Ausprobieren wäre super. Aber wer einen Platz hat, muss sich glücklich schätzen.

Informiert euch über die Krankheit. Wenn ihr sie selbst habt, sucht euch Verbündete. Wenn ihr sie nicht habt, dann fragt in eurem Bekanntenkreis. Ihr werdet überrascht sein. Gerade jetzt, wo die Zeiten wahrlich düster sind, müssen wir darüber reden.

Originally tweeted by Paul Gäbler (@PaulGaebler) on 4. Juni 2020. (verändert und umgeschrieben)

Veröffentlicht von Paul Gäbler

Freiberuflicher Journalist, Podcaster und Fotograf in Berlin.

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